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Brummschädel mit Quellenangabe
Es ist halb neun, und irgendwer hat mir über Nacht das Hirn gegen einen porösen Stein getauscht. Der Stein pocht gegen die Schläfen und die Augen scheinen von innen herausgedrückt zu werden. Die Jalousie ist unten, trotzdem schiebt sich das Licht durch die Ritzen wie ein aufdringlicher Verwandter, dem man noch Geld schuldet. Auf dem Couchtisch stehen die Reste der letzten Nacht: ein Dutzend Bierflaschen, zwei Coupettes, davon eine mit einer einsamen Kirsche am Grund, und ein Aschenbecher, der nach Spurensicherung verlangt. Angefangen hat es mit Bier. Dann kam jemand auf die Idee: wenn wir schon rauchen wie in den 1930ern, können wir uns auch solche Cocktails einverleiben. Whiskey, süßer Wermut, zwei Spritzer Bitters. Dann noch einer. Ab da wird die Chronik lückenhaft. Ich gehe in die Küche und hoffe, dass es dort besser aussieht.
Ich trinke ein Glas Wasser. Dann noch eins. So macht man das. Das haben mir alle beigebracht: meine Mutter, mein erster Chef und jeder Tresennachbar, der je eine Meinung hatte. Tresennachbarn haben immer eine. Wasser, Aspirin, ein Rollmops, und mittags ist man wieder ein Mensch.
Mit Mitte zwanzig hätte ich über diesen Rat gelacht, wenn ich gekonnt hätte. An solchen Vormittagen lag ich damals in Embryonalstellung vor der Kloschüssel, die Wange auf den kühlen Fliesen. Nichts blieb drin. Kein Wasser, kein Ibuprofen, kein Zwieback, nicht einmal die Würde. Mein Magen war nicht für diese Mengen Stoff gemacht. Trotzdem musste er immer wieder hinein.
Heute bleibt das Wasser drin. Das ist der Fortschritt eines Lebens. Ein Mensch bin ich um halb zehn trotzdem noch nicht. Also tue ich, was ein Xennial in so einer Lage tut: Ich lese auf dem Handy wissenschaftliche Studien. Mit einem zugekniffenen Auge, weil das andere noch nicht zum Dienst erschienen ist.
Die Wasserlüge
Die schlechte Nachricht zuerst. Das Wasser ist Aberglaube ohne Kohlensäure. Eine Utrechter Forschergruppe hat alles zusammengetragen, was es zu Kater und Flüssigkeitshaushalt gibt. Wasser während oder direkt nach dem Trinken beugt kaum vor. Und wie viel man am Tag danach nachkippt, hat mit dem Ausmaß des Elends nichts zu tun. Austrocknung und Kater treten gemeinsam auf, sind aber unabhängig voneinander. Sie gehen nebeneinander her wie zwei Klassenkameraden mit demselben Heimweg. Der Durst vergeht meist schnell. Der Kater bleibt.
In Japan hat man nachgelegt, mit einem Versuchsaufbau, den man in jeder Kneipe für einen Wettbewerb gehalten hätte. Dreizehn gesunde Männer tranken binnen einer Stunde im Schnitt einen Dreiviertelliter Sake. Beim zweiten Termin gab es dieselbe Menge Sake und dazu gut einen Liter Wasser. Einer musste aufgeben, weil sein Bauch nicht mehr mitmachte. Am Morgen danach: kein Unterschied. Nicht beim Kopfschmerz, nicht bei der Übelkeit, nicht bei der Konzentration. Finanziert hat das Ganze eine Sake-Brauerei. Man muss es ihr hoch anrechnen. Sie hat Geld ausgegeben, um wissenschaftlich zu beweisen, dass man ihr Produkt nicht verdünnen muss. So viel Ehrlichkeit findet man in der Wirtschaft nur, wenn sie sich rechnet.
Nebenbei ist eine zweite Volksweisheit gefallen, die mich persönlich betrifft. Für eine deutsch-britische Studie tranken sich neunzig Freiwillige kontrolliert mit Bier und Weißwein an, in wechselnder Reihenfolge. Das Ergebnis: Bier auf Wein, Wein auf Bier oder nur eins von beiden, am Morgen machte das keinen Unterschied. Entscheidend war allein die Menge. Der Volksmund hat also nicht gelogen, er hat nur von etwas anderem geredet. Ursprünglich galt Wein auf Bier als gesellschaftlicher Aufstieg, Bier auf Wein als Abstieg. Das ist heute auch widerlegt, ganz ohne Studie. Man kann in diesem Land sein Leben lang Wein trinken und trotzdem nicht aufsteigen.
Das dritte Glas Wasser lasse ich sein. Ein Konterbier kommt nicht in Frage, also koche ich Tee.
Der Körper erstattet Anzeige
Was ist es dann? Der Kater beginnt laut Definition erst, wenn der Blutalkohol gegen null geht. Man ist also nicht mehr betrunken. Man ist das, was übrig bleibt.
Ein Utrechter Pharmakologe, so etwas wie der Pappy Van Winkle der Katerforschung – selten, hoch gehandelt und verehrt von Leuten, die ihn nie probiert haben – sagt es seit Jahren: Die Austrocknung ist eine Folge des Alkohols, nicht die Ursache des Katers. Er verdächtigt das Immunsystem. Der Körper behandelt die Nacht offenbar wie einen Infekt. Man liegt da wie nach einer Grippe, die man sich selbst an der Theke gekauft hat. Runde für Runde, mit Trinkgeld.
Dazu kommt, was man getrunken hat. Forscher der Brown University fanden im Bourbon siebenunddreißigmal so viele Begleitstoffe wie im Wodka, und wer das dunkle Zeug trank, hatte den schlimmeren Kater. Diese sogenannten Kongenere sind genau das, was einen Whiskey nach Karamell, Eiche und Vanille schmecken lässt. Im Manhattan kommt noch der Wermut dazu, ein aufgespriteter Kräuterwein, den ich an dieser Stelle vor Kurzem gelobt habe. Ich nehme nichts zurück. Aber der Geschmack ist das Gift. Das ist die bitterste Pointe der ganzen Forschung. Wer Tiefe will, zahlt dafür, und zwar am nächsten Morgen, in bar.
Meine Erfahrung ist aber, dass Begleitstoffe in manchen Scotches schmerzhafter sind als die vom billigsten Bourbon. Manche Distillerien schneiden großzügig beim Mittellauf, um viel Charakter in ihren Stoff zu bekommen, wie in Deutschland das mit Obstler gemacht wird. Das haben die Amis nicht nötig, die müssen laut Gesetz für jede Charge frische Fässer nehmen. Leider habe ich dazu nichts gefunden, aber ich sage euch: den schlimmsten Kater nach einer moderaten Menge hatte ich von einem sehr teuren Scotch.
Gold für die oberen Zehntausend
Die Schweizer arbeiten an einer Lösung, so, wie man es von Schweizern erwartet: mit Gold. An der ETH Zürich hat ein Team ein Gel aus Molkeprotein gebaut, einem Abfallprodukt der Käserei, und Eisen, Glukose und Gold hineingemischt. Das Gel baut den Alkohol schon im Verdauungstrakt zu Essigsäure ab. Gold dient hier als Katalysator. Das giftige Acetaldehyd, das sonst in der Leber entsteht, fällt dabei gar nicht erst an. Bei Mäusen sank der Blutalkohol um bis zu fünfzig Prozent. Ein Patent ist angemeldet. Bis zur Zulassung für Menschen stehen aber noch etliche klinische Tests aus.
Bis das Zeug in der Apotheke liegt, bin ich Rentner. Falls es dann noch Rente gibt. Und wer wird es sich leisten? Die Leute, die in der Rooftop-Bar Champagner bestellen, nicht die, die morgens um sechs mit Restalkohol malochen gehen. Man wird es auch nicht Katermittel nennen, sondern ihm einen medizinischen Anstrich geben. Auf der Weihnachtsfeier gehört der Alkohol zur Firmenkultur, am Montag darauf nicht mehr. Bezahlt wird also nicht das Vergnügen, sondern die Wiederherstellung der Arbeitskraft. Depotpräparate sind nicht vorgesehen, bezahlen muss man immer wieder. Selbst der Arzt, der die Bier-und-Wein-Studie leitete, musste seine Ethikkommission mit den gesellschaftlichen Kosten überzeugen, die verkaterte Menschen durch Unfälle verursachen. Das Leiden allein war kein Argument. Der Ausfall war eins.
Die Psyche kommt mit dem Nachtbus
Gegen Mittag setzte früher das zweite Programm ein, heute nur noch das Echo. Die Angst. Man weiß nicht, wovor. Irgendwas hat man gesagt. Irgendwem. Die Angelsachsen nennen das Hangxiety, und es hat inzwischen eine eigene Fachliteratur. Eine Übersichtsarbeit hat zweiundzwanzig Studien mit über sechstausend Teilnehmern ausgewertet: Der Kater geht mit mehr Angst, mehr Stress und mehr Niedergeschlagenheit einher. Das schlechte Gewissen hat jetzt ein Peer-Review.
In Belgien lassen Psychologen verkaterte Menschen auf einer Körpersilhouette einzeichnen, wo es sich wie anfühlt. Die Muster hängen mit der Schwere des Katers zusammen und mit dem Trinkverhalten. Noch ist das ein Machbarkeitsnachweis. Ich mache es trotzdem. Kopf schwarz. Magen grau. Für die Angst im Solarplexusbereich suche ich noch immer die passende Farbe.
Laufen hilft, sagen die Läufer
Die einzige halbwegs gute Nachricht kommt aus Amerika, und leider hat sie mit Sport zu tun. Befragt wurden knapp 1700 Studierende an zwei US-Universitäten. Bei denen, die viele Stunden intensiv trainierten, hing die Trinkmenge schwächer mit dem Kater zusammen. Gemütliche Bewegung half nicht. Das Ganze ist nur eine Korrelation aus Fragebögen. Über die Kausalität kann ich jetzt nur spekulieren. Ich nehme an, dass Menschen, die morgens joggen, auch abends anders trinken als Menschen, die morgens Studien auf dem Handy lesen. Ich laufe heute nicht. Ich laufe höchstens virtuell im Egoshooter und lasse Köpfe zerplatzen.
Hoffnung in Brausetabletten
Und der Rest? N-Acetylcystein, Vitamin B und C, Kräuterzeug: getestet, gewogen und für zu leicht befunden. Nichts davon hat in Studien einen nennenswerten Effekt gezeigt. Trotzdem liegt an jeder Tankstelle neben der Kasse ein bunter Karton, der verspricht, den Samstag zu retten. Die Katerindustrie verkauft Hoffnung in Brausetabletten. Das Geschäft läuft blendend, weil die Kundschaft jedes Wochenende nachwächst.
Die einzige Methode mit belastbarer Wirkung haben die Utrechter schon vor über zehn Jahren genannt: weniger trinken. Das ist ungefähr so hilfreich wie der Rat, bei Regen zuhause zu bleiben. Stimmt. Hilft aber keinem, der den andauernden Drang hat, nach draußen zu gehen.
Mein eigenes Labor
Ich habe trotzdem zwei Rituale, und ich glaube an sie. Vor dem Schlafengehen ein Multivitaminpräparat. Und wenn es Daiquiris gibt, dann frozen, mit Erdbeeren, und zwar reichlich. Beides macht bei mir einen Unterschied. Ich weiß das so sicher, wie man etwas wissen kann, das man nur an sich selbst gemessen hat.
Die Wissenschaft ist da zurückhaltender. Für die Tablette spricht eine kleine Utrechter Studie: Wer über die Nahrung mehr Niacin und Zink aufnahm, hatte deutlich leichtere Kater, und bei viel Zink wurde seltener gekotzt. Hätte ich das mit Mitte zwanzig gewusst, es hätte nichts genützt. Wer die Kontrolle über das Trinken verliert, denkt auch nicht an die Tablette vor dem Zubettgehen. Dazu passt, dass ein schneller Alkoholabbau offenbar mit leichteren Katern einhergeht, weil dann weniger Ethanol ins Gehirn gelangt. Niacin und Zink helfen beim Abbau. Soweit ergibt mein Ritual Sinn. In der bislang größten Studie dieser Art brachten Vitamine und Mineralstoffe allein allerdings nichts. Geholfen hat nur die Variante mit Pflanzenextrakten.
Bei den Erdbeeren geht es anscheinend um Fruchtzucker. In einer nigerianischen Studie verkürzte eine ordentliche Dosis Fruktose den Rausch um fast ein Drittel und beschleunigte den Alkoholabbau erheblich, trieb dafür aber Blutzucker und Blutfette in ungesunde Bereiche. Finnische Forscher fanden in den Siebzigern dagegen keinen Effekt auf Rausch, Kater oder Abbautempo. Sie sahen aber, dass Zucker die nächtlichen Stoffwechselentgleisungen abfedert, und Fruktose besser als Glukose. Das Dumme ist: Erdbeeren enthalten nur etwa zweieinhalb Gramm Fruktose pro hundert Gramm. Für die nigerianische Dosis bräuchte ich rund drei Kilo. Das ist kein Cocktail mehr, das ist Erntehilfe. Vielleicht liegt es woanders.
Ich denke ja immer noch an B-Vitamine, da sie auch mit neurologischen Prozessen in Verbindung stehen. Alkohol verschlechtert die Aufnahme von Thiamin, also Vitamin B1, und ein Thiaminmangel schlägt direkt aufs Nervensystem. Bei starken Trinkern ist das ein bekanntes Problem. Ich schreibe das nicht, um mir die Rituale auszureden.
Ich schreibe es, weil beides gleichzeitig wahr sein kann: dass ich einen Unterschied spüre, und dass niemand sicher sagen kann, warum. Vielleicht fehlt mir etwas, das die Tablette ausgleicht. Vielleicht ist es Placebo, von Evidenz kann man bei Suffversuchen ja kaum sprechen, wenn niemand nüchtern bleibt. Vielleicht sind die Abende, an denen ich noch an die Tablette denke, einfach die Abende, an denen ich noch denken kann. Die Utrechter haben Leute verglichen, die nach eigener Aussage nie einen Kater bekommen, mit solchen, die ständig einen haben. Beide Gruppen aßen praktisch dasselbe. Der Unterschied muss also woanders liegen, in Faktoren, die noch keiner kennt. Der Kater ist eine sehr private Angelegenheit. Die Studien erzählen vom Durchschnitt. Ich bin an solchen Vormittagen vieles, aber nicht durchschnittlich.
Der andere Schmerz
Es ist drei Uhr nachmittags. Das Wasser war sinnlos, die Kongenere haben gewonnen, die Angst ist heutzutage erträglich. Ich halte sie eher für eine Entzugserscheinung, die ich dank vernünftigerem Lebensstil kaum noch habe. Der Kopfschmerz ist noch da, aber er ist die stumpfe, gleichmäßige Sorte. Er sitzt überall und nirgends, wie Nebel über einem Hafenbecken. Ich bin ihm fast dankbar.
Denn ich kenne auch den anderen. Es gibt Wochen, in denen kommt nach so einer Nacht kein Kater. Dann kommt der Clusterkopfschmerz oder wie der Teufel sich dann auch immer schimpfen sollte. Er schleicht sich nicht an. Er ist einfach da, meistens früh morgens, und reißt einen aus dem Schlaf. Es fühlt sich an, als würde jemand einen glühenden Nagel hinter einem Auge in den Schädel treiben und dann anfangen, ihn zu drehen. Immer dieselbe Seite. Das Auge tränt, die Nase läuft, das Lid hängt. Liegen geht nicht, sitzen geht nicht. Man tigert durch die Wohnung wie ein Tier, das den Ausgang aus seinem eigenen Kopf sucht. Eine Viertelstunde, manchmal drei Stunden. Die Wohnung ist dann sehr klein und das Morgengrauen sehr lang.
Heute kommt dieser Teufel nicht. Heute ist nur Kater. Ich lege mich wieder hin. Der Kater geht, er geht immer, man muss ihn nur aussitzen wie eine Legislaturperiode. Im Kühlschrank steht der angebrochene Wermut. Er hält ein paar Wochen, habe ich gelesen. Er hat Zeit. Er hat immer Zeit.
Quellen
- Mackus, M. et al. (2024): Alcohol hangover versus dehydration revisited: The effect of drinking water to prevent or alleviate the alcohol hangover. Alcohol 121, 9–18.
- Imai, H. et al. (2026): Water intake during drinking does not alleviate hangover symptoms. Frontiers in Pharmacology 17:1852528.
- Köchling, J. et al. (2019): Grape or grain but never the twain? A randomized controlled multiarm matched-triplet crossover trial of beer and wine. American Journal of Clinical Nutrition.
- Rohsenow, D. J. et al. (2010): Intoxication with bourbon versus vodka: effects on hangover, sleep, and next-day neurocognitive performance in young adults. Alcoholism: Clinical and Experimental Research 34(3).
- Mezzenga-Labor, ETH Zürich (2024): Single-site iron-anchored amyloid hydrogels as catalytic platforms for alcohol detoxification. Nature Nanotechnology.
- A Systematic Review of the Impact of the Alcohol Hangover Upon Negative Affect (2026). Drug and Alcohol Review 45(1): e70052.
- Steiger, N. et al. (2026): Interoceptive phenomenology of hangover: A proof of concept for bodily mapping in naturalistic study designs. Drug and Alcohol Dependence 283:113122.
- Physical activity as a moderator of the association between alcohol consumption and hangovers (2024). Addictive Behaviors.
- Verster, J. C. et al. (2019): Dietary Nutrient Intake, Alcohol Metabolism, and Hangover Severity. Journal of Clinical Medicine 8:1316.
- Mackus, M. et al. (2020): The Role of Alcohol Metabolism in the Pathology of Alcohol Hangover. Journal of Clinical Medicine.
- Lieb, B. & Schmitt, P. (2020): Randomised double-blind placebo-controlled intervention study on the nutritional efficacy of a food for special medical purposes (FSMP) and a dietary supplement in reducing the symptoms of veisalgia. BMJ Nutrition, Prevention & Health 3(1).
- Uzuegbu, U. E. & Onyesom, I. (2009): Fructose-induced increase in ethanol metabolism and the risk of Syndrome X in man. Comptes Rendus Biologies.
- Ylikahri, R. et al. (1976): Effects of Fructose and Glucose on Ethanol-Induced Metabolic Changes and on the Intensity of Alcohol Intoxication and Hangover. European Journal of Clinical Investigation.
- Clusterkopfschmerz: Apotheken Umschau, AOK-Gesundheitsmagazin, DocCheck Flexikon, AMBOSS.
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Rick Beato: Vom Whiteboard-Oberlehrer zum Botschafter der handgemachten Musik
Wer in den letzten Jahren auf YouTube nach Gitarren-Tutorials, Mixing-Tipps oder Musiktheorie gesucht hat, landete früher oder später bei ihm. Ich auch. Der Algorithmus kennt da keine Gnade. Rick Beato. Graue Igelfrisur. Ein Sohn namens Dylan mit absolutem Gehör, der vor laufender Kamera die Töne aus einem Akkord pickt wie andere Kinder die Rosinen aus dem Kuchen. Dazu die Aura eines Mannes, der dir gleich erklären wird, warum dein Lieblingssong mit drei Akkorden auskommt – und warum das trotzdem genial ist. Beato ist der Endboss des Musik-Nerdtums. Besiegen kann man ihn nicht. Man kann nur zuhören.
Ich habe zugehört. Bei ihm habe ich Musiktheorie gelernt, und seine Tipps zum Abmischen zu Herzen genommen. Die E-Gitarre, auf der hier seit Jahren beharrlich kaum Fortschritt erzielt wird, hat davon leider nichts mitbekommen. Bleibt die Frage, wie ein älterer Herr, der über alterierte Skalen redet wie andere über die Viererkette, zum wichtigsten Musikjournalisten des Internets werden konnte.
Das Leben vor dem Upload
Man könnte meinen, der Mann sei direkt aus dem Hörsaal ins Netz gespült worden. Stimmt nicht ganz. Beato studierte am Ithaca College und machte seinen Master 1987 am New England Conservatory in Boston, Fach Jazz. Später unterrichtete er selbst, unter anderem Jazz am Ithaca College. Sein Black Dog Sound Studio in Stone Mountain bei Atlanta gründete er 1995, dort arbeitete er mit Bands wie Shinedown und Needtobreathe.
Nebenher stand er selbst auf der Bühne. Seine Band Billionaire unterschrieb bei Republic Records, einem Label aus dem Hause Universal. Man merke sich das für später.
Er fing mit YouTube in einem Alter an, in dem andere Männer eine Midlife-Crisis bekommen. Beato bekam einen Kanal.
Den Anstoß gab Dylan. Beato hatte ihm schon früh beigebracht, was ein Dur-add9-Akkord ist und was ein lydischer Dreiklang. Das Video ging viral. Die einen schrieben ihm monatelang und wollten wissen, wie man so etwas hinbekommt. Die anderen hielten es für Fake. Irgendwann fing er an zu erklären.
Nachsitzen am Whiteboard
Kein fancy Editing, kein Clickbait, nur ein Mann, ein Whiteboard, ein Marker. Beato erklärte Modi, Gehörbildung und Akkordprogressionen. Kein Witz, keine Pause, kein Erbarmen. Der Rest von YouTube machte Pranks und Make-up-Tutorials, ASMR wurde langsam Mainstream. Beato zerlegte Akkordfolgen in Stufen und Intervalle – Hardcore-Theorie, staubtrocken serviert. Und man merkte: Der redet nicht für die Klicks. Der kann nicht anders.
Einzelhaft für Tonspuren
Der Durchbruch kam mit „What Makes This Song Great?". Beato holte die Multitracks großer Rock- und Popklassiker hervor und nahm sich jede Spur einzeln vor wie ein Detektiv, der weiß, dass der Täter im Raum sitzt. Hier das Schlagzeug allein. Da nur die Gesangsspur. Takt für Takt, bis man einen Song, den man seit dreißig Jahren im Ohr hat, zum ersten Mal wirklich hört.
Endgültig sprachlos war ich bei der Folge zu ‚Bohemian Rhapsody‘. Beato ging die Aufnahmen gemeinsam mit Brian May durch. Spur für Spur. Wie die Gesangsspuren immer wieder gebounct wurden, bis sich der Chor türmte. Der kleine Verstärker, den John Deacon selbst zusammengelötet hatte. Die Backing-Spur ohne Klick, weil Freddie Mercury am Klavier wie ein Metronom funktionierte. Laut May haben sie den Song vor den Aufnahmen nie richtig geprobt. Da war mir klar: Dieser Kanal ist ein Schatz für die Ewigkeit.
Parallel wuchs die Old-Man-Yells-at-Cloud-Persona. Rants über totquantisierte Popmusik, über Autotune, über DAWs, die jedem Drummer den Puls abnehmen. Man kann das als Nostalgie abtun. Oder man schaltet das Radio ein und merkt, dass der Mann recht hat.
Hotel Copyright
Dann die Sache mit den Eagles.
In einem Video über die besten Akustikgitarren-Intros kam Beato 2019 an einem Titel aus dem Eagles-Katalog nicht vorbei. Ausgesprochen hat er ihn trotzdem nicht. Aus Gründen. Stattdessen blendete er ihn als Text ein und spielte die Akkorde, denn eine bloße Akkordfolge ist kein urheberrechtlich geschütztes Werk. So weit ist es gekommen.
Im Juni 2020 saß Don Henley, Sänger und Schlagzeuger der Band, per Video vor dem Unterausschuss des US-Senats für geistiges Eigentum. Dort erklärte er, sein Label Universal Music Group, das die Verlagsrechte der Eagles und seines Solokatalogs verwaltet, beschäftige sechzig Leute, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als Plattformen wie YouTube und Facebook zu bearbeiten. Zweihundert bis fünfhundert Meldungen pro Woche. Sechzig Menschen in einem Raum voller Rechner, fünf Tage die Woche, manchmal sechs.
Knapp zwei Monate später, Ende Juli, saß Beato vor demselben Ausschuss.
Er sei nicht gegen Copyright, sagte er damals sinngemäß, er sei gegen das Blockieren. Da zerlegt einer deinen Song, um der Welt zu zeigen, warum er ein Meisterwerk ist, und du schickst ihm die Anwälte.
Andere waren entspannter. Led Zeppelin gaben zwei gesperrte Folgen wieder frei.
Zwischendurch erinnert Beato daran, dass es das Beato Book zu kaufen gibt. Immer und immer wieder. Gönnen wir es ihm. Ein Whiteboard zahlt keine Miete.
Hausbesuch aus dem Plattenschrank
Dann kamen die Stars, über die er jahrelang doziert hatte. Sting kam, zusammen mit seinem Gitarristen Dominic Miller. Billy Corgan redete neunzig Minuten über Produktion und Einflüsse. Pat Metheny kam, Tommy Emmanuel. Zu Billy Joel fuhr Beato selbst, genauso wie zu Maynard James Keenan auf dessen Weingut in Arizona. Manche Interviews muss man sich direkt beim Erzeuger abholen.
Warum kommen die alle? Weil sie sonst nirgends ernsthaft gefragt werden. Zu wenige echte Musiker, zu viel gecastetes und überproduziertes Medienrauschen. Die größte Bühne, die der Mainstream zu vergeben hat, ist die Halbzeitshow beim Super Bowl. Eine knappe Viertelstunde. Die Hits im Schnelldurchlauf, Tänzerinnen, Pyrotechnik. Davor und danach Werbespots, bei denen die halbe Minute Millionen kostet. Über hundert Millionen Zuschauer. Nicht eine einzige Frage. Bei Beato sitzt Sting und erklärt, dass Überraschung das Wesen aller Musik ist. Und dass Komponieren für ihn Instinkt ist, keine Theorie. Ausgerechnet vor einem Theoretiker. Aus ihm spricht der Musiker, nicht der Popstar. Und gegenüber sitzt einer, der auf Augenhöhe zuhört.
Die Wolke hat es verdient
Sicher kommt ab und an der Oberlehrer durch. Die Rocknostalgie ist gelegentlich so dick aufgetragen wie Haarspray auf dem Schopf von Nikki Sixx in seinen wilden Jahren. Ja, na und. Wer sein Leben lang Musik ernst genommen hat, darf sich über die Zeiten ärgern, die das nicht mehr tun.
Musik wird heute oft als fünfzehnsekündiger Hook für TikTok gebaut. Lang genug zum Wischen. Kurz genug, dass keinem auffällt, dass danach nichts mehr kommt. Beato hält dagegen, wie der letzte Wirt einer Eckkneipe: Er schließt nicht, und die Stammgäste kommen. Er bewahrt das Wissen darüber, wie Menschen vor Publikum ohne Smartphones, mit echten Instrumenten Musik gemacht haben. Er zwingt eine ganze Generation von Bedroom-Produzenten, sich die sogenannten Heritage Bands mal anzuhören. Und er beweist, dass das Internet nicht nur für Katzenvideos taugt, sondern auch für Auseinandersetzung mit Musik – und für eine Gründlichkeit, die sich das Fernsehen längst nicht mehr leistet.
Solche Originale werden nicht mehr gebaut. Meine E-Gitarre und der Röhrenverstärker stehen hier und fangen Staub. Am Lehrer liegt es nicht.
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Die Narbe in New York
Vor 25 Jahren wurde eine Kaskade in Gang gesetzt, die noch immer unsere Wahlergebnisse beeinflusst. Davor dachte ich, die westliche Gesellschaft entwickelt sich vorwärts. Tatsächlich entwickelte sie sich auseinander. Wo wir heute stehen, hätte ich mir nicht vorstellen können. Es geht mir ein bisschen wie meinen Eltern 25 Jahre zuvor. Die hätten sich auch nicht träumen lassen, dass archaische Ideologien in ein paar Jahrzehnten noch eine große Rolle spielen würden. Wie sehr haben wir uns in der Menschheit getäuscht.
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Wein mit Schuss
Heute beim Kochen wollte ich ein Glas Wein. Es war kurz nach zwölf, und ich war allein. Dazu kam, dass ich das Wochenende nicht zuhause sein würde. Eine Flasche aufzumachen ergab also nur Sinn, wenn man vorhatte, so richtig die Lampen anzumachen. Hatte ich nicht vor. Jedenfalls nicht ernsthaft.
Zum Glück stand im Kühlschrank noch eine ungeöffnete Flasche Sherry. Angebrochen hält der sich dort wochenlang. Das hatte ich gelesen und kann es aus Erfahrung bestätigen. Ich schenkte ein, und während die Pfanne heiß wurde, fragte ich mich, wer mit fortifiziertem Wein, wie man das nennt, wohl angefangen hatte. Ich wusste, dass der Transport im Fass ein Grund war, warum das Schule machte. Aber wer waren die Ersten?
Die Idee ist älter, als ich dachte. Im 13. Jahrhundert hatte ein Arzt namens Arnaud de Villeneuve die Nase voll von Wein, der schneller umkippte als die alte A-Klasse beim Elchtest. Arnaud stammte vermutlich aus der Gegend um Valencia, lehrte in Montpellier und war offenbar ein Mann, der Probleme lieber löste als beklagte. Er schüttete hochprozentigen Weingeist in den gärenden Most. Die Hefe war tot, der Zucker noch drin, und schon war der Wein haltbar. Im Roussillon macht man das bis heute so und nennt es Mutage, vom französischen Wort für stumm. Man gibt dem Wein das Ergebnis vorab und spart ihm die Arbeit.
Der Rest der Geschichte handelt von Leuten, die dieses Prinzip über ein halbes Jahrtausend verfeinert haben, aus reinem Hedonismus.
So richtig Fahrt nahm die Sache im 17. und 18. Jahrhundert auf. Die Seefahrer wollten an Bord nicht auf dem Trockenen sitzen, und wer monatelang mit Zwieback und Pökelfleisch über den Ozean schaukelt, dem kann man das kaum verdenken. Nur verwandelte sich normaler Wein in der Tropenhitze in etwas, das nicht mehr viel Freude machte. Die Lösung war so pragmatisch, wie man es von Leuten erwartet, die schlechte Luft und Heimweh für Skorbut verantwortlich machten: Sprit rein. Der hohe Alkoholgehalt legte jede Nachgärung lahm und machte den Wein wetterfest.
Beim Sherry kommt der Sprit übrigens erst, wenn die Gärung durch ist. Deshalb ist mein Fino knochentrocken. Wer früher schüttet, bekommt etwas Süßes. Dazu später mehr.
Das Fließband
Mit dem Aufspritzen allein ist es in Andalusien nicht getan. In Jerez lagert man den Wein in einem System, das sich anhört, als hätte ein Buchhalter nach dem dritten Glas eine Erleuchtung gehabt.
- Das Kaskaden-Prinzip: Die Fässer liegen in mehreren Reihen übereinander. Ganz unten ruht die namensgebende Solera (von spanisch suelo, Boden), und nur aus ihr wird abgefüllt. Abgeben muss, wie immer im Kapitalismus, der ganz unten.
- Niemals ganz leer: Pro Durchgang zapft man der Solera traditionell nicht mehr als ein Drittel ab. Die Lücke füllt sofort die Reihe darüber, die Criadera, und die holt sich ihren Nachschub wiederum von weiter oben. Ganz oben kommt der junge, frisch aufgespritzte Wein hinein.
- Das ewige Gedächtnis: Auf dem Weg nach unten mischt sich der Wein Stufe um Stufe mit immer älterem. Das Ergebnis ist eine Beständigkeit, die ich von mir selbst nicht behaupten kann: Ein Fino desselben Hauses schmeckt heute verdächtig genauso wie vor zwanzig Jahren. Rechnerisch schwimmen sogar noch Reste aus den Gründertagen mit, allerdings in einer Verdünnung, bei der jedem Homöopathen das Schwurblerherz aufgeht.
- Hefeschild gegen Sauerstoff: Bei rund 15 Prozent legt sich eine dichte Hefeschicht auf den Wein, die Flor, und hält die Luft draußen. So entsteht Fino: trocken, knackig, frisch. Reift er in Sanlúcar, heißt er Manzanilla. Treibt man den Alkohol auf 17 Prozent, stirbt die Hefe. Dann kann der Sauerstoff sich am Wein abreagieren. Heraus kommt Oloroso: dunkel, nussig, schwer.
Die Flor ist auch der Haken an meinem Kühlschrankplan. Ein Fino hat sein ganzes Leben unter einer Hefedecke verbracht und nie richtig Luft abbekommen. Kaum ist die Flasche offen, fängt er an herumzuoxidieren. Eine Woche, sagt man. Vielleicht zwei, wenn man ein Auge zudrückt. Ein Oloroso hat den Sauerstoff längst hinter sich und steckt ein paar Wochen locker weg. Ich habe den Fino. Also muss er bis zum Wochenende weg.
Britischer Durst
Die Portugiesen machen es wie Arnaud. Sie kippen Aguardente, klaren Traubenbrand, mitten in die Gärung. Die Hefe gibt auf, der Zucker bleibt, und in der Flasche landet Portwein: süß, stark und gefährlich süffig. Ruby reift in großen Tanks oder Holzbottichen und behält dabei seine Fruchtigkeit. Tawny liegt jahrelang in kleinen Fässern, bekommt Luft und wird mit der Zeit braun, nussig und mild. Das passiert Männern an Stammtischen auch, nur ist es beim Tawny etwas Gutes.
Madeira verdankt seinen Charakter einem Unfall. Die Fässer fuhren als Handelsware, der Legende nach auch als Ballast, über den Äquator und wurden im Schiffsbauch monatelang durchgeschaukelt und ordentlich aufgeheizt. Normaler Wein wäre dabei zu Essig geworden. Der Madeira dagegen schmeckte hinterher nach Karamell und Nüssen und war besser als vorher. Wer die ganze Runde hinter sich hatte, hieß Vinho da Roda und war besonders begehrt.
Heute spart man sich die Kreuzfahrt. Einfachere Madeiras kommen in die Estufa, einen beheizten Tank. Die guten reifen im Canteiro-Verfahren in Fässern auf heißen Dachböden und lassen sich dafür oft Jahrzehnte Zeit. Ein Wein, der so etwas übersteht, lässt sich von einer offenen Flasche nicht beeindrucken. Angebrochener Madeira hält Monate. Hätte ich einen im Schrank gehabt, hätte ich jetzt kein Zeitproblem.
Groß geworden sind Sherry, Port und Madeira vor allem durch die Briten und deren Angewohnheit, sich mit Frankreich zu verkrachen. Französischer Wein war auf der Insel immer wieder mit saftigen Strafzöllen belegt, also kaufte man woanders ein. Der Methuen-Vertrag von 1703 verschaffte portugiesischem Wein einen Zollvorteil gegenüber dem französischen, und die englischen Kaufleute rieben sich die Hände. Sie gründeten Handelshäuser in Porto, Jerez und Funchal und diktierten die Stile. Die Navy soff Rum, das Volk soff Gin, und wer etwas auf sich hielt, trank nach dem Essen Port. Namen wie Taylor's, Croft oder Sandeman klingen nicht zufällig nach Pfeifentabak und Kolonialverwaltung.
Bitteres
Wem das alles noch zu banal war, der warf Kräuter und Gewürze in den verstärkten Wein. Beim Wermut ist das gleichnamige Kraut Pflicht und sorgt dafür, dass die Sache nicht zu gefällig wird. Grob gilt: trocken aus Frankreich, süß aus Italien. Ohne Wermut gäbe es weder Martini noch Manhattan, und die Welt wäre um zwei gute Gründe ärmer, dem Bartender einen Besuch abzustatten.
Lillet ist Bordeaux-Wein, verschnitten mit Fruchtlikören aus Zitruszesten. Früher hieß er Kina Lillet und enthielt Chinarinde. James Bond ließ ihn in seinen Vesper-Martini gießen, was dem Zeug mehr Ruhm eingebracht hat als jede Weinprämierung. Die Bitterkeit hat man später für die Massen zurückgeschraubt, der Ruhm ist geblieben.
Chinarinde führt direkt zum Dubonnet, und der ist eigentlich ein Verabreichungstrick. Chinin half gegen Malaria, schmeckte aber so bitter, dass es in Nordafrika kein Soldat freiwillig runterschluckte. 1846 soll ein Pariser namens Joseph Dubonnet den Bitterstoff deshalb in süßen Kräuterwein mit Schuss gerührt haben, und plötzlich gingen die Rationen weg wie Pastis um elf Uhr vormittags. So erzählt man es jedenfalls. Wie beim Sidecar weiß keiner so genau, ob das stimmt, und wer es wissen könnte, ist vermutlich längst am Säuferwahn gestorben
Jetzt sitze ich hier, das Glas Fino in der Hand, und muss beim Schreiben aufpassen, dass die Flasche heute nicht doch noch leer wird. Eine Woche soll er halten, vielleicht zwei. Bei mir hält er bis zum Abend.
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Ein Getränk namens Beiwagen
Ich war diesen Sommer in Cognac. Es waren 42° Celsius und wenn man mehr als drei Minuten in der Sonne stand, konnte man seine Neuronen platzen hören. Wenn man schon mal da ist, muss man sich ja auch etwas anschauen. Also ging es mit den Jungs zu einer Führung bei Rémy Martin. Man schleifte uns durch die Keller mit den kleinen und riesigen 350-Liter-Fässern und hielt uns Vorträge über die Region, die Produktion und die Geschichte des Unternehmens. Über allem schwebte der schwere Geruch von fruchtigem Traubenbrand und Eiche. Man fuhr uns in einem Elektro-Vehikel mit Anhängern durch die Gegend, wie eine kleine Bahn. Wir bekamen einige Lagerhäuser und verstaubte Schätze zu sehen – nur um uns am Ende mit zwei Drinks im Verkaufsraum in Laune zu versetzen. Hat auch geklappt.
Ich war nie der große Fan von Cognac oder Weinbrand im Allgemeinen. Scotch und Bourbon sind nach wie vor für mich das Maß der Dinge, auch wenn sie in den letzten Jahren an Qualität eingebüßt haben – den internationalen Märkten sei Dank.
Seitdem steht hier die Flasche Rémy Martin 1738 Accord Royal und wartet darauf, in Kopfschmerz verwandelt zu werden. Ideen? Pur ist das nicht so meins und einen flambierten Crêpe wollte ich mir im Moment nicht in die Figur schieben. Kurzerhand holte ich den Shaker raus für einen alten Cocktail-Klassiker: den Sidecar.
Der Sidecar ist ein Drink für Leute, die Geschichten mögen, bei denen hinterher keiner mehr so genau weiß, wie es angefangen hat und ob überhaupt. Typisch Trinker eben. Bei seiner Herkunft herrscht nämlich ungefähr so viel Einigkeit wie bei den Fragen, wer das Telefon, die Glühbirne, das Automobil oder die Differentialrechnung erfunden hat. Ein Offizier, der während des Ersten Weltkriegs regelmäßig im Beiwagen eines Motorrads zu Harry’s New York Bar in Paris chauffiert wurde, behauptete, dass der Barkeeper den Sidecar für ihn kreiert habe, um ihn aufzuwärmen. Das Ritz Hotel in Paris glaubt ebenfalls, ihn erfunden zu haben und andere sprechen es dem legendären Bartender Pat MacGarry vom Buck’s Club in London zu. Geklärt ist damit nichts, nur dass sich die Aristokratie regelmäßig die Lichter ausgeknipst hat.
Ob der Sidecar nun eine Vereinfachung des Brandy Daisy und des Brandy Crusta ist, sei dahingestellt, er ist für mich ein Drink, in dem Cognac seine Stärken ausspielt. Die dunklen Früchte des Cognac und die orangige Süße des Orangenlikörs stemmen sich gemeinsam gegen die Säure der Zitrone und ergeben eine Komposition, die zu allem passt. Die Einfachheit ist der Trumpf:
- Cognac (oder Armagnac)
- Orangenlikör
- frischer Zitronensaft
Eine Reduktion auf das Wesentliche und eine Frage der Balance. Die Verhältnisse der jeweiligen Zutaten sind bei der englischen Schule 2:1:1, bei der französischen 1:1:1. Die modernere Variante ist auf jeden Fall die Englische. So spirit-forward wie man heutzutage mixt, da kann richtig Schnaps rein und einfach ein paar Sekunden länger auf Eis schütteln.
Jetzt wo der Drink ausgetrunken ist, kommt mir auch der Gedanke an einen Sazerac. Über die Cocktails aus New Orleans spreche ich aber lieber ein anderes Mal.