Good Vibrations, schlechte Aussichten
Es war kurz nach zwölf, und ich hatte gerade gefrühstückt. In meinem Alter ist das keine Lebensführung mehr, sondern ein Befund. Für einen Drink war es zu früh, selbst nach meinen Maßstäben, und die sind großzügig. Es gilt die einzige Regel, die ich fast nie gebrochen habe, weil sie gut klingt und wenig kostet: Kein Bier vor vier.
Vier Stunden, die man irgendwie überstehen musste. Zum Zocken fehlte mir die Lust. Neben dem Bett lagen drei angefangene Romane, jeder mit einem Lesezeichen genau da, wo mich das Interesse verlassen hatte. Einen vierten anzufangen, wäre den anderen gegenüber unanständig gewesen. Wie ein neues Date, während drei alte noch auf eine Antwort warten.
Also tat ich, was man heute tut, wenn man nichts tun will: Ich griff zum Telefon. Diesmal allerdings mit einem Vorsatz. Flipboard, die Leute, die uns vor anderthalb Jahrzehnten das Internet als Hochglanzmagazin verkauft hatten, hatten eine neue App herausgebracht. Sie heißt Surf und will das soziale Netz nicht retten, sondern aufräumen. Das klingt bescheidener. Ist aber die schwierigere Arbeit.
Willkommen zurück bei AOL
Surf ist kein Schnellschuss. Im Dezember 2024 ging die App in eine Beta, zu der man nur mit Einladung Zutritt bekam. Wie in einem Club, in dem die Türsteher noch Gesichter erkennen. Im April 2026 folgte der offizielle Start, zunächst im Browser. Flipboard-Chef Mike McCue nennt das Ganze einen Browser für das soziale Web.
Das Prinzip ist einfach. Man baut sich Feeds, und in einen Feed kommt, was man will: Leute von Bluesky und Mastodon, Hashtags, Blogs, Podcasts, YouTube-Kanäle. Surf wirft das zusammen und serviert es auf einem Teller. Wer sich mit seinem Bluesky- oder Mastodon-Konto anmeldet, kann aus Surf heraus liken und antworten. Die Antworten landen dort, wo sie hingehören.
McCue vergleicht die jetzige Phase mit den Tagen von AOL und Yahoo, als das Netz noch aus ummauerten Gärten und handgepflegten Verzeichnissen bestand. Er meint das als Verheißung. Wer alt genug ist, sich an das Einwahlgeräusch eines Modems zu erinnern, hört darin eher eine Drohung. Ein Faxgerät, das von Wölfen gefressen wird, und danach eine Telefonrechnung, bei der der Vater laut wurde.
Seit dem Start gibt es außerdem sogenannte Social Websites. Redaktionen wie The Verge, Wired, Rolling Stone und 404 Media haben dort Quartier bezogen. McCue verspricht ihnen die Kontrolle über ihre Gemeinschaft, ausdrücklich auch über den Algorithmus. Ein Versprechen, das man in diesem Gewerbe schon öfter gehört hat. Meistens kurz bevor jemand die Regeln geändert hat.
Drei Sprachen, ein Dolmetscher
Unter der Haube ist das soziale Web eine Baustelle, auf der drei Trupps arbeiten, die sich nicht auf eine Sprache einigen können. Mastodon, Threads, Pixelfed und PeerTube sprechen ActivityPub. Bluesky hat sich mit dem AT-Protokoll eine eigene Sprache gebaut. Und dann gibt es noch RSS, den Großvater der Familie, älter als die meisten Leute, die heute auf TikTok erklären, wie man richtig atmet.
Die Idee dahinter kennt jeder, der eine E-Mail schreibt. Ob man bei GMX ist oder bei Gmail, die Post kommt an. Bei den sozialen Netzwerken war das jahrzehntelang anders. Jedes Haus hatte seinen eigenen Briefkasten. Wer umziehen wollte, musste seine Freunde zurücklassen.
RSS hätte das schon vor zwanzig Jahren lösen können. Viele hatten damals den Google Reader, und er war das Ordentlichste, was man im Netz haben konnte. 2013 schaltete Google ihn ab, weil er zu wenig Werbung abwarf. Eingeschläfert wie ein alter Hund, der zu viel frisst und zu wenig bellt. Oder umgekehrt. Die Leute zogen weiter zu Twitter und Facebook, wo fortan andere entschieden, was gelesen wurde.
Surf ist der Dolmetscher zwischen diesen drei Sprachen. Ein Feed kann einen Bluesky-Account, einen Mastodon-Hashtag und einen Weinblog nebeneinanderstellen, ohne dass man merkt, wer woher kommt. Technisch eleganter, als es klingt, und interessanter, als es aussieht. Im Internet ist das keine geringe Leistung.
Selbstversuch, 13:00 bis 15:55
Ich baute mir einen Feed über das, was mich nachts wach hält: Bücher und Musik, Gitarre, DAW, Cocktails, ein Podcast, ein paar Hashtags zu Politik und Zeitgeschehen. Es ging schneller als gedacht. Nach zwanzig Minuten hatte ich eine Zeitung, die nur aus Dingen bestand, die mich interessierten.
Dann scrollte ich. Und es passierte etwas, das ich von sozialen Netzwerken nicht mehr kannte: nichts.
Kein Wutpost, der mir zwischen zwei Gitarren-Videos in die Magengrube fuhr. Kein Influencer mit Proteinpulver. Die Wut war natürlich noch da, unter den Politik-Hashtags sowieso. Aber sie kam nur, wenn ich sie suchte. Niemand schob sie mir nach, weil Empörung länger auf dem Bildschirm bleibt als Zufriedenheit. Die Beiträge kamen in der Reihenfolge, in der sie geschrieben worden waren. Eine Revolution, so altmodisch, dass sie schon wieder radikal wirkte.
Um halb zwei probierte ich Feeds, die andere gebaut hatten. Manche waren gut gepflegt, andere verwaist wie ein Schrebergarten nach dem Tod des Pächters. Da liegt das eigentliche Problem: Surf ist ein ordentlich sortierter Laden in einer Straße, durch die kaum jemand läuft. Die Bartender, die ich lesen wollte, sitzen zur Hälfte noch bei Instagram, weil dort die Kundschaft ist. Man kann es ihnen nicht einmal vorwerfen. Mit guten Vorsätzen zahlt man keine Miete.
Gegen drei fiel mir auf, dass ich mich seit über zwei Stunden nicht aufgeregt hatte. Kurz dachte ich, ich würde krank. Dann begriff ich, dass genau das der Punkt war. Eine Plattform, die mich nicht wütend macht, verdient an mir nichts. Wie Flipboard mit Surf Geld verdienen will, ist bislang offen. In diesem Gewerbe ist das die Stelle, an der man nervös werden sollte. Oder schon mal zahlen.
Die Herren der Zeitleiste
Am 20. Januar 2025 saßen sie in der Rotunde, der runden Halle unter der Kuppel des Kapitols, gut sichtbar und vor manchem Kabinettsmitglied: Musk, Zuckerberg, Bezos, dazu Google-Chef Sundar Pichai. Bei der Amtseinführung eines Präsidenten, dessen Verhältnis zur Demokratie man wohlwollend als Fernbeziehung bezeichnen kann. Es war das Familienfoto einer neuen Oligarchie. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, es zu verstecken.
Musk hatte Twitter 2022 für 44 Milliarden Dollar gekauft und daraus ein Megafon für sich und seine Freunde gemacht. Zuckerberg schaffte kurz vor der Vereidigung die Faktenchecks in den USA ab und vermisste bei Joe Rogan öffentlich die männliche Energie in seinem Konzern. Bezos hatte seiner Washington Post die Wahlempfehlung streichen lassen. Man muss keinen Marx gelesen haben, um zu sehen, wohin hier gekuschelt wird. Es genügt ein Blick auf die Gästeliste.
Früher hießen solche Leute Fürsten, und sie nahmen den Zehnten vom Korn. Die neuen nehmen ihn von der Aufmerksamkeit. Der Algorithmus ist kein Kellner, der bringt, was man bestellt. Er bringt, was die Zeche hochtreibt. Und am zuverlässigsten tut das die Wut. Cory Doctorow hat für den Verfall solcher Plattformen das Wort Enshittification erfunden. Eine gute deutsche Übersetzung gibt es nicht. Dafür Millionen Leute, die jeden Tag erfahren, was es bedeutet.
Das ist kein Marktversagen. Der Markt funktioniert prächtig, nur eben für die Besitzer. Wir sind nicht die Kundschaft dieser Läden. Wir sind die Ware im Schaufenster und putzen nebenbei noch die Scheiben.
Surf ist dagegen ein anständiger Versuch. Offene Protokolle, kein Konzern, der einem die Zeitleiste vorschreibt, die Freiheit, weiterzuziehen, ohne die Freunde zu verlieren. Aber auch Flipboard ist eine Firma und keine Genossenschaft. Und man sollte nie vergessen, dass Twitter auch einmal sympathisch war. Die Geschichte des Internets ist voll von solchen Anfängen. Die meisten enden an der Kasse.
Vier Uhr
Das Problem ist nur: Surf verlangt etwas. Man muss wissen, was man lesen will. Quellen auswählen, Feeds pflegen, Texte lesen, die länger sind als eine Bildunterschrift. Freiheit ist anstrengend, und die Oligarchen verkaufen Bequemlichkeit. Der Algorithmus siegt nicht, weil er besser ist. Er siegt, weil er nichts verlangt. Wie ein Wirt, der anschreiben lässt, bis das Haus weg ist.
Und das Publikum, das diese Anstrengung leisten könnte, wird gerade abgewickelt. Bei der PISA-Studie 2022 schnitten deutsche Fünfzehnjährige so schlecht ab wie nie zuvor. Rund ein Viertel erreicht beim Lesen nicht einmal das Mindestniveau. 2008 rief Angela Merkel die Bildungsrepublik aus. Seitdem bröckeln die Schulen, die Lehrer fehlen, und die Erziehung hat das Smartphone übernommen. Im Auftrag der Herren aus der Rotunde.
Ich glaube nicht mehr, dass von den sozialen Medien noch etwas Gutes für die Menschheit kommt. Nicht von X, nicht von TikTok und auch nicht von Surf, so sympathisch die Sache ist. Ein gutes Werkzeug in den Händen von Leuten, die nicht lesen können oder wollen, ist bloß ein schönes Ding, das herumliegt. Erst müsste die Bildung stimmen. Wir bewegen uns davon weg, und zwar schneller als jeder Feed. Vielleicht habe ich aber auch zu viel Verstand in die Menschen hineinprojiziert. Das wäre nicht das erste Mal, dass ich mich verschätze.
Um vier mache ich die App zu. Der Feed bleibt, chronologisch, sauber, ohne Wutbürger. Ein Museum mit sehr gutem Licht und sehr wenigen Besuchern.
Das Bier ist kalt. Es ist das einzige Produkt des Tages, das hält, was es verspricht.