Brummschädel mit Quellenangabe
Es ist halb neun, und irgendwer hat mir über Nacht das Hirn gegen einen porösen Stein getauscht. Der Stein pocht gegen die Schläfen und die Augen scheinen von innen herausgedrückt zu werden. Die Jalousie ist unten, trotzdem schiebt sich das Licht durch die Ritzen wie ein aufdringlicher Verwandter, dem man noch Geld schuldet. Auf dem Couchtisch stehen die Reste der letzten Nacht: ein Dutzend Bierflaschen, zwei Coupettes, davon eine mit einer einsamen Kirsche am Grund, und ein Aschenbecher, der nach Spurensicherung verlangt. Angefangen hat es mit Bier. Dann kam jemand auf die Idee: wenn wir schon rauchen wie in den 1930ern, können wir uns auch solche Cocktails einverleiben. Whiskey, süßer Wermut, zwei Spritzer Bitters. Dann noch einer. Ab da wird die Chronik lückenhaft. Ich gehe in die Küche und hoffe, dass es dort besser aussieht.
Ich trinke ein Glas Wasser. Dann noch eins. So macht man das. Das haben mir alle beigebracht: meine Mutter, mein erster Chef und jeder Tresennachbar, der je eine Meinung hatte. Tresennachbarn haben immer eine. Wasser, Aspirin, ein Rollmops, und mittags ist man wieder ein Mensch.
Mit Mitte zwanzig hätte ich über diesen Rat gelacht, wenn ich gekonnt hätte. An solchen Vormittagen lag ich damals in Embryonalstellung vor der Kloschüssel, die Wange auf den kühlen Fliesen. Nichts blieb drin. Kein Wasser, kein Ibuprofen, kein Zwieback, nicht einmal die Würde. Mein Magen war nicht für diese Mengen Stoff gemacht. Trotzdem musste er immer wieder hinein.
Heute bleibt das Wasser drin. Das ist der Fortschritt eines Lebens. Ein Mensch bin ich um halb zehn trotzdem noch nicht. Also tue ich, was ein Xennial in so einer Lage tut: Ich lese auf dem Handy wissenschaftliche Studien. Mit einem zugekniffenen Auge, weil das andere noch nicht zum Dienst erschienen ist.
Die Wasserlüge
Die schlechte Nachricht zuerst. Das Wasser ist Aberglaube ohne Kohlensäure. Eine Utrechter Forschergruppe hat alles zusammengetragen, was es zu Kater und Flüssigkeitshaushalt gibt. Wasser während oder direkt nach dem Trinken beugt kaum vor. Und wie viel man am Tag danach nachkippt, hat mit dem Ausmaß des Elends nichts zu tun. Austrocknung und Kater treten gemeinsam auf, sind aber unabhängig voneinander. Sie gehen nebeneinander her wie zwei Klassenkameraden mit demselben Heimweg. Der Durst vergeht meist schnell. Der Kater bleibt.
In Japan hat man nachgelegt, mit einem Versuchsaufbau, den man in jeder Kneipe für einen Wettbewerb gehalten hätte. Dreizehn gesunde Männer tranken binnen einer Stunde im Schnitt einen Dreiviertelliter Sake. Beim zweiten Termin gab es dieselbe Menge Sake und dazu gut einen Liter Wasser. Einer musste aufgeben, weil sein Bauch nicht mehr mitmachte. Am Morgen danach: kein Unterschied. Nicht beim Kopfschmerz, nicht bei der Übelkeit, nicht bei der Konzentration. Finanziert hat das Ganze eine Sake-Brauerei. Man muss es ihr hoch anrechnen. Sie hat Geld ausgegeben, um wissenschaftlich zu beweisen, dass man ihr Produkt nicht verdünnen muss. So viel Ehrlichkeit findet man in der Wirtschaft nur, wenn sie sich rechnet.
Nebenbei ist eine zweite Volksweisheit gefallen, die mich persönlich betrifft. Für eine deutsch-britische Studie tranken sich neunzig Freiwillige kontrolliert mit Bier und Weißwein an, in wechselnder Reihenfolge. Das Ergebnis: Bier auf Wein, Wein auf Bier oder nur eins von beiden, am Morgen machte das keinen Unterschied. Entscheidend war allein die Menge. Der Volksmund hat also nicht gelogen, er hat nur von etwas anderem geredet. Ursprünglich galt Wein auf Bier als gesellschaftlicher Aufstieg, Bier auf Wein als Abstieg. Das ist heute auch widerlegt, ganz ohne Studie. Man kann in diesem Land sein Leben lang Wein trinken und trotzdem nicht aufsteigen.
Das dritte Glas Wasser lasse ich sein. Ein Konterbier kommt nicht in Frage, also koche ich Tee.
Der Körper erstattet Anzeige
Was ist es dann? Der Kater beginnt laut Definition erst, wenn der Blutalkohol gegen null geht. Man ist also nicht mehr betrunken. Man ist das, was übrig bleibt.
Ein Utrechter Pharmakologe, so etwas wie der Pappy Van Winkle der Katerforschung – selten, hoch gehandelt und verehrt von Leuten, die ihn nie probiert haben – sagt es seit Jahren: Die Austrocknung ist eine Folge des Alkohols, nicht die Ursache des Katers. Er verdächtigt das Immunsystem. Der Körper behandelt die Nacht offenbar wie einen Infekt. Man liegt da wie nach einer Grippe, die man sich selbst an der Theke gekauft hat. Runde für Runde, mit Trinkgeld.
Dazu kommt, was man getrunken hat. Forscher der Brown University fanden im Bourbon siebenunddreißigmal so viele Begleitstoffe wie im Wodka, und wer das dunkle Zeug trank, hatte den schlimmeren Kater. Diese sogenannten Kongenere sind genau das, was einen Whiskey nach Karamell, Eiche und Vanille schmecken lässt. Im Manhattan kommt noch der Wermut dazu, ein aufgespriteter Kräuterwein, den ich an dieser Stelle vor Kurzem gelobt habe. Ich nehme nichts zurück. Aber der Geschmack ist das Gift. Das ist die bitterste Pointe der ganzen Forschung. Wer Tiefe will, zahlt dafür, und zwar am nächsten Morgen, in bar.
Meine Erfahrung ist aber, dass Begleitstoffe in manchen Scotches schmerzhafter sind als die vom billigsten Bourbon. Manche Distillerien schneiden großzügig beim Mittellauf, um viel Charakter in ihren Stoff zu bekommen, wie in Deutschland das mit Obstler gemacht wird. Das haben die Amis nicht nötig, die müssen laut Gesetz für jede Charge frische Fässer nehmen. Leider habe ich dazu nichts gefunden, aber ich sage euch: den schlimmsten Kater nach einer moderaten Menge hatte ich von einem sehr teuren Scotch.
Gold für die oberen Zehntausend
Die Schweizer arbeiten an einer Lösung, so, wie man es von Schweizern erwartet: mit Gold. An der ETH Zürich hat ein Team ein Gel aus Molkeprotein gebaut, einem Abfallprodukt der Käserei, und Eisen, Glukose und Gold hineingemischt. Das Gel baut den Alkohol schon im Verdauungstrakt zu Essigsäure ab. Gold dient hier als Katalysator. Das giftige Acetaldehyd, das sonst in der Leber entsteht, fällt dabei gar nicht erst an. Bei Mäusen sank der Blutalkohol um bis zu fünfzig Prozent. Ein Patent ist angemeldet. Bis zur Zulassung für Menschen stehen aber noch etliche klinische Tests aus.
Bis das Zeug in der Apotheke liegt, bin ich Rentner. Falls es dann noch Rente gibt. Und wer wird es sich leisten? Die Leute, die in der Rooftop-Bar Champagner bestellen, nicht die, die morgens um sechs mit Restalkohol malochen gehen. Man wird es auch nicht Katermittel nennen, sondern ihm einen medizinischen Anstrich geben. Auf der Weihnachtsfeier gehört der Alkohol zur Firmenkultur, am Montag darauf nicht mehr. Bezahlt wird also nicht das Vergnügen, sondern die Wiederherstellung der Arbeitskraft. Depotpräparate sind nicht vorgesehen, bezahlen muss man immer wieder. Selbst der Arzt, der die Bier-und-Wein-Studie leitete, musste seine Ethikkommission mit den gesellschaftlichen Kosten überzeugen, die verkaterte Menschen durch Unfälle verursachen. Das Leiden allein war kein Argument. Der Ausfall war eins.
Die Psyche kommt mit dem Nachtbus
Gegen Mittag setzte früher das zweite Programm ein, heute nur noch das Echo. Die Angst. Man weiß nicht, wovor. Irgendwas hat man gesagt. Irgendwem. Die Angelsachsen nennen das Hangxiety, und es hat inzwischen eine eigene Fachliteratur. Eine Übersichtsarbeit hat zweiundzwanzig Studien mit über sechstausend Teilnehmern ausgewertet: Der Kater geht mit mehr Angst, mehr Stress und mehr Niedergeschlagenheit einher. Das schlechte Gewissen hat jetzt ein Peer-Review.
In Belgien lassen Psychologen verkaterte Menschen auf einer Körpersilhouette einzeichnen, wo es sich wie anfühlt. Die Muster hängen mit der Schwere des Katers zusammen und mit dem Trinkverhalten. Noch ist das ein Machbarkeitsnachweis. Ich mache es trotzdem. Kopf schwarz. Magen grau. Für die Angst im Solarplexusbereich suche ich noch immer die passende Farbe.
Laufen hilft, sagen die Läufer
Die einzige halbwegs gute Nachricht kommt aus Amerika, und leider hat sie mit Sport zu tun. Befragt wurden knapp 1700 Studierende an zwei US-Universitäten. Bei denen, die viele Stunden intensiv trainierten, hing die Trinkmenge schwächer mit dem Kater zusammen. Gemütliche Bewegung half nicht. Das Ganze ist nur eine Korrelation aus Fragebögen. Über die Kausalität kann ich jetzt nur spekulieren. Ich nehme an, dass Menschen, die morgens joggen, auch abends anders trinken als Menschen, die morgens Studien auf dem Handy lesen. Ich laufe heute nicht. Ich laufe höchstens virtuell im Egoshooter und lasse Köpfe zerplatzen.
Hoffnung in Brausetabletten
Und der Rest? N-Acetylcystein, Vitamin B und C, Kräuterzeug: getestet, gewogen und für zu leicht befunden. Nichts davon hat in Studien einen nennenswerten Effekt gezeigt. Trotzdem liegt an jeder Tankstelle neben der Kasse ein bunter Karton, der verspricht, den Samstag zu retten. Die Katerindustrie verkauft Hoffnung in Brausetabletten. Das Geschäft läuft blendend, weil die Kundschaft jedes Wochenende nachwächst.
Die einzige Methode mit belastbarer Wirkung haben die Utrechter schon vor über zehn Jahren genannt: weniger trinken. Das ist ungefähr so hilfreich wie der Rat, bei Regen zuhause zu bleiben. Stimmt. Hilft aber keinem, der den andauernden Drang hat, nach draußen zu gehen.
Mein eigenes Labor
Ich habe trotzdem zwei Rituale, und ich glaube an sie. Vor dem Schlafengehen ein Multivitaminpräparat. Und wenn es Daiquiris gibt, dann frozen, mit Erdbeeren, und zwar reichlich. Beides macht bei mir einen Unterschied. Ich weiß das so sicher, wie man etwas wissen kann, das man nur an sich selbst gemessen hat.
Die Wissenschaft ist da zurückhaltender. Für die Tablette spricht eine kleine Utrechter Studie: Wer über die Nahrung mehr Niacin und Zink aufnahm, hatte deutlich leichtere Kater, und bei viel Zink wurde seltener gekotzt. Hätte ich das mit Mitte zwanzig gewusst, es hätte nichts genützt. Wer die Kontrolle über das Trinken verliert, denkt auch nicht an die Tablette vor dem Zubettgehen. Dazu passt, dass ein schneller Alkoholabbau offenbar mit leichteren Katern einhergeht, weil dann weniger Ethanol ins Gehirn gelangt. Niacin und Zink helfen beim Abbau. Soweit ergibt mein Ritual Sinn. In der bislang größten Studie dieser Art brachten Vitamine und Mineralstoffe allein allerdings nichts. Geholfen hat nur die Variante mit Pflanzenextrakten.
Bei den Erdbeeren geht es anscheinend um Fruchtzucker. In einer nigerianischen Studie verkürzte eine ordentliche Dosis Fruktose den Rausch um fast ein Drittel und beschleunigte den Alkoholabbau erheblich, trieb dafür aber Blutzucker und Blutfette in ungesunde Bereiche. Finnische Forscher fanden in den Siebzigern dagegen keinen Effekt auf Rausch, Kater oder Abbautempo. Sie sahen aber, dass Zucker die nächtlichen Stoffwechselentgleisungen abfedert, und Fruktose besser als Glukose. Das Dumme ist: Erdbeeren enthalten nur etwa zweieinhalb Gramm Fruktose pro hundert Gramm. Für die nigerianische Dosis bräuchte ich rund drei Kilo. Das ist kein Cocktail mehr, das ist Erntehilfe. Vielleicht liegt es woanders.
Ich denke ja immer noch an B-Vitamine, da sie auch mit neurologischen Prozessen in Verbindung stehen. Alkohol verschlechtert die Aufnahme von Thiamin, also Vitamin B1, und ein Thiaminmangel schlägt direkt aufs Nervensystem. Bei starken Trinkern ist das ein bekanntes Problem. Ich schreibe das nicht, um mir die Rituale auszureden.
Ich schreibe es, weil beides gleichzeitig wahr sein kann: dass ich einen Unterschied spüre, und dass niemand sicher sagen kann, warum. Vielleicht fehlt mir etwas, das die Tablette ausgleicht. Vielleicht ist es Placebo, von Evidenz kann man bei Suffversuchen ja kaum sprechen, wenn niemand nüchtern bleibt. Vielleicht sind die Abende, an denen ich noch an die Tablette denke, einfach die Abende, an denen ich noch denken kann. Die Utrechter haben Leute verglichen, die nach eigener Aussage nie einen Kater bekommen, mit solchen, die ständig einen haben. Beide Gruppen aßen praktisch dasselbe. Der Unterschied muss also woanders liegen, in Faktoren, die noch keiner kennt. Der Kater ist eine sehr private Angelegenheit. Die Studien erzählen vom Durchschnitt. Ich bin an solchen Vormittagen vieles, aber nicht durchschnittlich.
Der andere Schmerz
Es ist drei Uhr nachmittags. Das Wasser war sinnlos, die Kongenere haben gewonnen, die Angst ist heutzutage erträglich. Ich halte sie eher für eine Entzugserscheinung, die ich dank vernünftigerem Lebensstil kaum noch habe. Der Kopfschmerz ist noch da, aber er ist die stumpfe, gleichmäßige Sorte. Er sitzt überall und nirgends, wie Nebel über einem Hafenbecken. Ich bin ihm fast dankbar.
Denn ich kenne auch den anderen. Es gibt Wochen, in denen kommt nach so einer Nacht kein Kater. Dann kommt der Clusterkopfschmerz oder wie der Teufel sich dann auch immer schimpfen sollte. Er schleicht sich nicht an. Er ist einfach da, meistens früh morgens, und reißt einen aus dem Schlaf. Es fühlt sich an, als würde jemand einen glühenden Nagel hinter einem Auge in den Schädel treiben und dann anfangen, ihn zu drehen. Immer dieselbe Seite. Das Auge tränt, die Nase läuft, das Lid hängt. Liegen geht nicht, sitzen geht nicht. Man tigert durch die Wohnung wie ein Tier, das den Ausgang aus seinem eigenen Kopf sucht. Eine Viertelstunde, manchmal drei Stunden. Die Wohnung ist dann sehr klein und das Morgengrauen sehr lang.
Heute kommt dieser Teufel nicht. Heute ist nur Kater. Ich lege mich wieder hin. Der Kater geht, er geht immer, man muss ihn nur aussitzen wie eine Legislaturperiode. Im Kühlschrank steht der angebrochene Wermut. Er hält ein paar Wochen, habe ich gelesen. Er hat Zeit. Er hat immer Zeit.
Quellen
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