Ein Getränk namens Beiwagen
Ich war diesen Sommer in Cognac. Es waren 42° Celsius und wenn man mehr als drei Minuten in der Sonne stand, konnte man seine Neuronen platzen hören. Wenn man schon mal da ist, muss man sich ja auch etwas anschauen. Also ging es mit den Jungs zu einer Führung bei Rémy Martin. Man schleifte uns durch die Keller mit den kleinen und riesigen 350-Liter-Fässern und hielt uns Vorträge über die Region, die Produktion und die Geschichte des Unternehmens. Über allem schwebte der schwere Geruch von fruchtigem Traubenbrand und Eiche. Man fuhr uns in einem Elektro-Vehikel mit Anhängern durch die Gegend, wie eine kleine Bahn. Wir bekamen einige Lagerhäuser und verstaubte Schätze zu sehen – nur um uns am Ende mit zwei Drinks im Verkaufsraum in Laune zu versetzen. Hat auch geklappt.
Ich war nie der große Fan von Cognac oder Weinbrand im Allgemeinen. Scotch und Bourbon sind nach wie vor für mich das Maß der Dinge, auch wenn sie in den letzten Jahren an Qualität eingebüßt haben – den internationalen Märkten sei Dank.
Seitdem steht hier die Flasche Rémy Martin 1738 Accord Royal und wartet darauf, in Kopfschmerz verwandelt zu werden. Ideen? Pur ist das nicht so meins und einen flambierten Crêpe wollte ich mir im Moment nicht in die Figur schieben. Kurzerhand holte ich den Shaker raus für einen alten Cocktail-Klassiker: den Sidecar.
Der Sidecar ist ein Drink für Leute, die Geschichten mögen, bei denen hinterher keiner mehr so genau weiß, wie es angefangen hat und ob überhaupt. Typisch Trinker eben. Bei seiner Herkunft herrscht nämlich ungefähr so viel Einigkeit wie bei den Fragen, wer das Telefon, die Glühbirne, das Automobil oder die Differentialrechnung erfunden hat. Ein Offizier, der während des Ersten Weltkriegs regelmäßig im Beiwagen eines Motorrads zu Harry’s New York Bar in Paris chauffiert wurde, behauptete, dass der Barkeeper den Sidecar für ihn kreiert habe, um ihn aufzuwärmen. Das Ritz Hotel in Paris glaubt ebenfalls, ihn erfunden zu haben und andere sprechen es dem legendären Bartender Pat MacGarry vom Buck’s Club in London zu. Geklärt ist damit nichts, nur dass sich die Aristokratie regelmäßig die Lichter ausgeknipst hat.
Ob der Sidecar nun eine Vereinfachung des Brandy Daisy und des Brandy Crusta ist, sei dahingestellt, er ist für mich ein Drink, in dem Cognac seine Stärken ausspielt. Die dunklen Früchte des Cognac und die orangige Süße des Orangenlikörs stemmen sich gemeinsam gegen die Säure der Zitrone und ergeben eine Komposition, die zu allem passt. Die Einfachheit ist der Trumpf:
- Cognac (oder Armagnac)
- Orangenlikör
- frischer Zitronensaft
Eine Reduktion auf das Wesentliche und eine Frage der Balance. Die Verhältnisse der jeweiligen Zutaten sind bei der englischen Schule 2:1:1, bei der französischen 1:1:1. Die modernere Variante ist auf jeden Fall die Englische. So spirit-forward wie man heutzutage mixt, da kann richtig Schnaps rein und einfach ein paar Sekunden länger auf Eis schütteln.
Jetzt wo der Drink ausgetrunken ist, kommt mir auch der Gedanke an einen Sazerac. Über die Cocktails aus New Orleans spreche ich aber lieber ein anderes Mal.